Gürteltaschen im Späten Mittelalter

1. Einleitung
Hauptgegenstand dieser Ausarbeitung ist die Entwicklung der Gürteltaschen/Futteraltaschen im süddeutschen Raum im späten Mittelalter unter Berücksichtigung der Einflüsse aus Nordwest- und Westeuropa. Periphere europäische Regionen, wie z.B. die Spanische Halbinsel, die osteuropäischen Gebiete sowie die Balkanregion werden bei der Erstellung und Analyse bewußt weitestgehend beiseite gelasen, da keine oder nur geringe Einflussnahme dieser Regionen auf modische und kulturelle Entwicklungen in den fokusierten Gebieten auszumachen ist. Italien mit seinen nördlichen Stadtstaaten wird aufgrund seiner Sonderstellung in der modischen und kulturellen Entwicklung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit ebenso nur am Rande berücksichtigt werden. Es ist zwar unleugbar, dass gerade die großen Stadtstaaten Norditaliens sehr großen Einfluß auf die Entwicklung der süddeutschen Städte und Regionen ausübten, jedoch ist zu bemerken, dass jener Einfluss hauptsächlich auf wirtschaftlichem Gebiete und in politischen Entwicklungen zu finden ist. Im direkten Vergleich mitteleuropäischer und norditalienischer Futteraltaschen (div. Funde sowie hauptsächlich Fresken und Abbildungen, z.B. aus Mailand) lassen sich zum jetzigen Stande der Recherchen in der Verzierung sowie der modischen Formgebung nur sehr wenige Paralellen nachweisen.

2. Vom Gürtelbeutel zur Futteraltasche – an der Schwelle vom Hochmittelalter zum Spätmittelalter
Anhand diverser Funde aus Birka sowie Ungarn und Polen kann die Verwendung von am Gürtel getragenen Taschen zwar schon in Frühmittelalterlicher Zeit belegt werden, diese Taschen werden in Fachkreisen auch als Standes- oder Rangzeichen interpretiert, sind jedoch steppennomadischer Herkunft und auf den skandinavischen und osteuropäischen Raum beschränkt.  Zeitgleich kann für  Mitteleuropa kein entsprechender Vergleichsfund erbracht werden.
Nach ausführlicher Analyse vorliegender Fundberichte aus Schleswig (Schild), Konstanz, London, Dover, Pleskau und Bayreuth, sowie diverser Folios (z.B. Kreuzfahrerbibel, Romance du Alexander, Codex Mannese, Lutrell-Psalter, Biblia Pauperum Niederösterreich u.a.) kann gefolgert werden, dass das Tragen von Futteraltaschen aus Leder erst wieder mit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vereinzelt belegbar einsetzt. Vorher waren, zumindest für den Mitteleuropäischen Raum denkbar, eher Beutel aus verschiedenen Stoffgeweben bzw. Lederbeutel in Verwendung. Diese heute sogenannten Almosenbeutel wurden aus den unterschiedlichsten Materialien (Leder – Wolle – Leinen – Seide – Brokat etc.) angefertigt, von Mann und Frau getragen und meist mittels eines Nestelbandes oder eines Lederriemens am Gürtel bzw. am „Börsenhänger“ befestigt. Die Grundform dieses Typus bildet normalerweise ein rechteckig zugeschnittenes Stück Leder oder entsprechendes Stoffgewebe, dass zur Hälfte gefaltet und seitlich mit einer Naht geschlossen wird. Als Verschluss diente in den allermeisten Fällen ein durch in den oberen Rand des Leders geschnittene Ösen geführter Lederstreifen. Rechteckige Beutel sind schon aus dem wikingerzeitlichen Haithabu überliefert, Vergleichsfunde können aus dem mittelalterlichen Schleswig, Lübeck, Pleskau, Hohensalza, Breslau sowie London (13/14. Jhd) herangezogen werden.
Eine Sonderform zeigt sich in den sog. „runden Beuteln“. Hierbei wird ein mehr oder weniger kreisförmig zugeschnittenes Lederstück mit einem mittleren Durchmesser von 15 cm verwendet. Auch hier diente ein durch in den Rand des Leders geschnittene Ösen geführter Lederriemen als Verschluss. Als Besonderheit ist hier anzumerken, dass aus dem wikingerzeitlichem Haithabu ein vollständig erhaltener Lederbeutel vorhanden ist. Auch hier können wieder Vergleichsfunde, diesmal aus dem mittelalterlichen Oslo (12/13. Jhd.), Schleswig (12/13. Jhd.) sowie Novgorod (13/15. Jhd.) herangezogen werden.
Einer der ersten Hinweise auf eine nicht rein zweckorientierte Lederfutteraltasche, neben den nicht genauer datierten Funden aus Schleswig, dürfte der Fund auf der Runneburg sein, welcher in die zweite Hälfte des 13ten Jahrhunderts datiert wurde. Formengleiche Gürteltaschen sind zu finden auf den Miniaturen des Neidhart von Reuenthal sowie auf der Miniatur des Burgrafen von Rietenburg, beide aus der mannesischen Liederhandschrift, Grundstockmaler, datiert um 1307 und später. Im Konstanzer Fundkomplex findet sich eine in etwa D-Förmige Gürteltasche, welche von C. Schnack in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert wurde.

3. Quellenlage und Verbreitung
Ist noch im endenden 13. Jahrhundert die Verwendung von nicht mehr rein funktionellen Futteraltaschen, wie im vorangegangenen Absatz erläutert, in bildlichen Darstellungen nur in Einzelfällen zu beobachten, sowie im Fundgut diverser Grabungen nur fragmentarisch nachzuweisen, kann man im fortschreitendem 14. Jahrhundert feststellen, dass die Futteraltasche als Stilbildendes Accesoir in der Männermode an Beliebtheit gewinnt und somit die Häufigkeit ihrer Verwendung zunimmt. Dies belegt eine Vielzahl von zeitgenössischen Bildquellen sowie Figurinen, hauptsächlich an Kirchen sowie Grabmälern, und nicht zuletzt diverse Fundkomplexe zeigen uns nun die Verwendung von am Gürtel befestigten Taschen, bei welchen  nun zum funktionellen Aspekt der modische hinzukommt, ein anschwellen der Quellenlage ist hier vor allen Dingen ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu beobachten. Hervorzuheben sind vor allen Dingen folgende Bildquellen: Codex Manesse (erstes Drittel 14. Jhd.), Abbildung Brüssel (Mitte 14. Jhd.), Abbildungen Biblia Pauperum Österreich (erste Hälfte 14. Jhd.), The Romance du Alexander (Mitte 14. Jhd.), The Lutrell Psalter (zweites Drittel 14. Jhd.). Auch in den folgenden Fundkomplexe und Einzelfunden konnten fragmentarische Reste von Gürteltaschen nachgewiesen werden: Fund Runneburg (zweite Hälfte 13. Jhd.), Fund Bayreuth (erste Hälfte 14. Jhd.), Funde London (zweites und drittes Drittel 14. Jhd.), Funde Konstanz (erste Hälfte 14. Jhd.). Ein Auszug aus den bedeutensten Statuen und Kirchenfiguren, allerdings ob der Fülle hier lediglich aus dem süddeutschen Raum: Figurinen Nürnberg und Frankfurt (zweite Hälfte 14. Jhd.), Figurine Portalinnenraum Frauenkirche Nürnberg, Figurine Innenraum Skt. Sebald in Nürnberg. Diese Auswahl an Primärquellen stehen als Beleg für die Entwicklung der D-Formen in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Trapezformen lassen sich bisher anhand folgender Quellen nachweisen: Abbildungen Lutrell Psalter (erste Hälfte 14. Jhd.), wiederum Abbildungen aus dem Romance du Alexander (Mitte 14. Jhd.), Funde London (zweite Hälfte 14. Jhd.), Funde Dover (zweite Hälfte 14. Jhd.), Figurine Nürnberg (zweite Hälfte 14. Jhd.) sowie Sonderformen mit ausgezogenem Boden an Figurine Nürnberger Frauenkirche (zweite Hälfte 14. Jhd.) und paralell hierzu auf einer Freskomalerei in Bozen, Südtirol (1360/70) sowie mit geradem Boden an einer Figur am schönen Brunnen in Nürnberg (letztes Drittel 14. Jhd);

4. Formenentwicklung bis ca. 1400
Die frühest erfassbaren Gürteltaschen hatten sehr einfache Grundformen. In Schleswig und Konstanz finden sich rechteckig Formen mit abgerundeten Ecken (Abb.1), der Fund auf der Runneburg und Abbildungen in der Großen Heidelberger Liedhandschrift  hingegen zeigen z.B. ausladende D-Formen. Bei den beiden erstgenannten stand wohl in erster Linie die Funktionalität im Vordergrund, wobei das Futteraltäschen aus dem Schleswiger Komplex von C. Schnack ob der Größe und eines vorhandenen Nadelabruckes auf der Innenseite als „Behältniss für Nähutensilien“ gedeutet wird. Die größeren Futteraltaschen aus dem Codex Manesse sowie die Tasche aus der Runneburg weisen auf der Deckelklappe  jeweils eine wahrscheinlich hinterfütterte Verzierung auf und erfüllen somit schon modische Ansprüche (Abb.2).

Abb.1 Rekonstruktionsvorschlag Gürteltasche Konstanz, 1. Hälfte 14. Jahrhundert

Abb.1 Rekonstruktionsvorschlag Gürteltasche Konstanz, 1. Hälfte 14. Jahrhundert

Abb.1: einfache Tasche in D-Form

Abb.3: Rekonstruktionsvorschlag einfache Tasche in D-Form

fol. 119v, Burggraf von Rietenstein, Detail, Cod.Pal.germ. 848, große Heidelberger Liedhandschrift

Abb. 2 fol. 119v, Burggraf von Rietenstein, Detail, Cod.Pal.germ. 848, große Heidelberger Liedhandschrift

Das Spektrum der D – Form als Grundgeometrische Form an sich erstreckt sich von den erwähnten großen, einfachen D-Formen des Codex Manesse und der Runneburg (Abb.3)  über die kleineren, fast rechteckigen ( z.B. Konstanz oder Schleswig) sowie abgerundete D- Formen ( London – Nürnberg,  Abb.4) über an den Seiten jeweils etwas verlängerte D-Formen (Bayreuth) bis hin zu „Viertelmond“ – bzw. „Sichelförmigen“ ( Brüssel – Nürnberg ) gestalteten Futteraltaschen.

Abb. Rekonstruktionsvorschlag einer "beutelähnlichen" D-Tasche

Abb.4 Rekonstruktionsvorschlag einer "abgerundeten" D-Tasche

Mit weiter zunehmender Verwendung der Gürteltasche als modisches Accessoire entwickeln sich auch speziellere Formen. An erster Stelle dürfte hier die, von England und Frankreich ausgehende, bald europaweit verbreitete trapezoide Gürteltasche stehen (Abb.5), Fragmentfunde hierzu finden sich unter anderem in London und Dover, desweiteren Abbildungen aus dem englischen Lutrell-Psalter und dem flämischen Romance du Alexander, sowie Figurinen an der Sebalduskirche in Nürnberg.

Abb.3: Rekonstruktionsvorschlag Trapezförmige Tasche

Abb.5: Rekonstruktionsvorschlag Trapezförmige Tasche

Diese Form hat sich beginnend ab ca. 1340 aus dem französisch – englischen Raum kommend über ganz Europa verbreitet und bis in das 15. Jahrhundert hinein erhalten. Spätere Modelle um die Jahrhundertwende zum 15. Jahrhundert weisen dann schon auf die folgenden Formen der sog. „Nierentaschen“ hin. Desweiteren kann behauptet werden, dass auch die schon bekannte D-Form Parallel hierzu in den verschiedensten Spielarten weiterhin Bestand hatte.

5. Verschlussarten

Abb.4: Rekonstruktionsvorschlag Riemchenverschluss - Reko von Oli Rausch, Bayreuth 1320

Abb.6: Rekonstruktionsvorschlag Riemchenverschluss - Reko von Oli Rausch, Bayreuth 1320

Eine größere Verbreitung der Verwendung eines Riemenverschlusses mit Schnalle und Riemenblech kann erst ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nachgewiesen werden (Ausnahme: Runneburgtasche, allerdings hier Schnallen, Beschläg und Zungen aus Bein), aus den Fundanalysen kann herausgelesen werden, dass die vorhandenen Taschen vor diesem Zeitraum entweder gar keinen oder verschieden gestaltete Riemchenverschlüsse ohne Schnallen besaßen (siehe Abb.6).

6. verwendete Materialien anhand der aktuellen archäologischen Erkenntnisse
Lt. vorliegender Fundbearbeitungen wurden zur Herstellung von Gürteltaschen sowohl Ziegenleder, als auch fein gegerbtes Rind/Kalbleder verwendet (siehe London-Excavations sowie Lederfunde in Schleswig-Schild), zum vernähen der Einzelteile kam gepichter sowie gewachster Leinenzwirn zum Einsatz. Regionale Eigenheiten oder Sonderformen konnten bisher nicht beobachtet werden.

7. Herstellungsweisen
Archäologisch nachzuweisen sind für die Verarbeitung der Konstruktionsnähte folgende Nahtarten:
– überwendliche Naht (ähnlich Stoßnaht Typ1 nach C. Schnack, Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 10). Hier stoßen die Schnittkanten der zu verbindenden Lederteile aneinander, der Faden läuft jedoch durch die Lederstücke komplett hindurch. Die Fadenführung erfolgt mit dem Überwendlichstich.
– Stürznaht ( Stürznaht Typ 1 nach C.Schnack, Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 10 ). Hierbei liegen die Schnittkanten der zu verbindenden Lederteile mit dem Narben gegeneinander. Der Faden läuft von der Fleischseite geradlinig durch das ganze Leder. Die Fadenführung erfolgt mit dem Sattlerstich.
– offene Abschlußnaht ( nach C. Schnack, Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 13). Hier liegen die Fleischseiten der zu verarbeitenden Lederstücke einander gegenüber. Die Fadenführung erfolgt von der Narbenseite aus durch einen Stepp- oder Heftstich.
Bei den beiden erstgenannten Nahtarten kann in Betracht gezogen werden, dass die entsprechenden Gürteltaschen wendegenäht gefertigt wurden.

Quellennachweis
1. Publikationen über archäologische Funde:
– Christiane Schnack: Mittelalterliche Lederfunde aus Konstanz (Grabung Fischmarkt), Materialhefte zur Archäologie in Baden Würtemberg 26, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1994;
– Christiane Schnack: Mittelalterliche Lederfunde aus Schleswig – Futterale, Riemen, Taschen u.a. Objekte, Ausgrabungen in Schleswig (Schild) 1971 – 1975, Berichte und Studien 13, Karl Wachtholtz Verlag, Neumünster nach 1995;
– Geoff Egan und Francis Pritchard: Dress Accesoires 1150 – 1450, Medieval finds from excavation in London 3, Museum of London, The Boydell Press, London 1991;
– Quita Mould, Ian Carlisle, Esther Cameron: Craft, Industry and Everyday Life: Leather and Leatherworking in Anglo-Scandinavian and Medieval York
– Bischof, Andrea: Ein spätmittelalterlicher Brunnen aus Bayreuth. Ergebnisse einer archäologischen Ausgrabung an der ehemaligen Schmiedgasse nahe der Stadtmauer.
Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands 23 (Büchenbach 2010);

2. Codicis und zeitgenössische Manuskripte:
– The Lutrell Psalter, England, ca.1325 – 1335, bearbeitet von Janet Backhouse und anderen;
– The Romance du Alexander, Werkstatt des Jehan de Gries, Flandern, ca. 1335 – 1345;
– Cod. 1198 Biblia Pauperum, Niederöstereich, ca. 1320 – 1330;
– Cod. III 207 Biblia Pauperum, Niederösterreich, ca. 1320 – 1320;
– Cod. Palm. germ. 848, große Heidelberger Liederhandschrift, Süddeutschland, ca 1305 – 1340;
– Hörder Heilsspiegel, um 1360;
– Cod. 2643, “ Willehalm“, llustrationszyklus a.d. Wenzelswerkstatt, Prag 1387;

3. Fresken und Bauwerke (Auszug)
– Fresken in Skt. Magdalena in Prazöl – Rensch, entstanden ca. 1370 – 1380;
– div. Figurenschmuck Skt. Sebald in Nürnberg;
– div. Figurenschmuck Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frau, erbaut um 1360;
– div. Figuren am Schönen Brunnen in Nürnberg, entstanden ca. 1385 – 1396;